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Teil 2

Die morgendliche Spannung baut sich auf

Das Seilbahnsystem in Zermatt hält also Herausforderungen bereit. Diese, folgt man zumindest der eingangs zitierten Weisheit, sollte mit „früh aufstehen“ einigermaßen in den Griff zu bekommen sein. Aber: Was ist denn nun früh? Die Bahn öffnet ihre Absperrungen für die Schifahrer normalerweise um 07:10 Uhr. Keine Sekunde früher. Schweizer Pünktlichkeit eben. Für die Schifahrer kann daraus an manchen Tagen auch mal 07:20 Uhr werden, nämlich dann, wenn viele Wanderer ebenfalls transportiert werden möchten. Denn diese haben in der Früh bevorzugten Zutritt.

Früh anstehen also. Das bedeutet für einige Teams, dass ihre Sportler bereits um 06:30 Uhr an der Absperrung der Bahn stehen. Damit dies möglich wird, müssen die Schifahrer sehr früh aufstehen. Dann Frühstück bei voller Dunkelheit, trotz Sommerzeit. Auf dem Weg zur Talstation ist dann schon die Dämmerung erkennbar. Das Matterhorn verfärbt sich langsam leicht rot.

An der Talstation eingetroffen beginnt das Warten. Und die ersten Spielchen beginnen. So versuchen etwa einige Athleten zu ihren bereits in Poleposition stehenden Teamkollegen „aufzuschließen“. Damit wird an manchem Morgen frühzeitig die Basis für spätere Reibereien und Konflikte gelegt. Beobachtbar war, und durch viele Erzählungen untermauert, dass sich die Athletinnen aus einer bestimmten Nation immer wieder durch ein hohes Maß an – nennen wir es Selbstbewusstsein – hervortun. Da wird dann schon mal eine Sportlerin eines anderen Landes brutal an den Haaren gerissen, um sie einzubremsen, obwohl sie früher da war.

Langsam wird es 06:45 Uhr. Der Platz vor der Talstation füllt sich zusehends. Es wird enger und dichter. Noch fahren allerdings laufend die elektrisch betriebenen Transportfahrzeuge der Lieferanten aus Zermatt vor. Die Kundigen wissen daher, dass es noch etwas dauert, bis es losgeht. Das Kartenspiel der einen Gruppe geht noch friedlich weiter, eine andere Gruppe widmet sich trotz verschlafener Gesichter den Selfies. Zwischendurch schaut man immer wieder auf die Windanzeige der Bergstationen um bestätigt zu sehen, dass die Bahn auch sicher in Betrieb gehen wird.

Kritisch wird es, wenn ein Liftarbeiter die Absperrung des Zufahrtswegs so verschiebt, dass damit die Zufahrt für die Transportfahrzeuge gesperrt wird. Denn dies ist die Voraussetzung dafür, dass er eine zweite Absperrung – jene, die die Sportler in Zaum hält – für den Zugang zum Lift öffnen kann. Kritisch ist dies deshalb, weil einer der Wartenden auf das Verrücken des Zauns mit einem Griff zu seinem Rucksack reagieren könnte. Die Ursachen für eine folgenschwere Fehlreaktion, also Rucksack zu früh aufheben, können verschieden sein. Sei es, weil der Sportler die Zeit nicht im Auge hat, eine Bewegung eines anderen Wartenden falsch interpretiert, oder einfach für ein bisschen Aufregung sorgen will.

Denn wird der erste Rucksack auf den Rücken genommen, sind innerhalb kürzester Zeit über 100 andere Rucksäcke ebenfalls auf den Rücken, die Schi in der Hand, und die vorher noch relativ locker stehende Gruppe hat sich eng an eng mit klarem Blick in Richtung Zugang formiert. Der Anblick erinnert an eine Exerzierübung. Ein Umfallen ist eigentlich nicht mehr möglich.

Soweit wäre die Prozedur ja noch funktionell. Allerdings kann ein Griff zum Rucksack auch schon mal um 06:50 Uhr erfolgen. Anstatt kurz zu überlegen, ob diese Handlung Sinn macht – man denke nur an die Schweizer Präzision und daran, dass die Betriebszeiten akribisch eingehalten werden – wird einfach nur reagiert. Dann stehen die Sportler (die meisten zwischen 15 und 20 Jahren) mit ihren schweren Rucksäcken geschultert da – und warten. Das Warten mit Marschgepäck dauert somit manchmal 20 Minuten, bei perfektem Bergwetter und vielen Wanderern auch mal 30 Minuten. Ein Absetzen des Rucksacks ist eigentlich nicht mehr möglich, da sich mit dem Aufnehmen der Rucksäcke die ganze Menge formiert und verdichtet hat. Und jede verdächtige Bewegung des Herrn in Schilift-Montur wird von der Masse mit einer weiteren – die Menge verdichtenden – Vorwärtsbewegung quittiert. Es wird immer enger, die Schi des Nachbarn stehen gefährlich nahe am eigenen Ohr, den Rucksack der Vorderfrau hat man direkt unter der Nase.